Bericht vom Baum-Spaziergang im Gemeindebau in Obermeidling
Wie geht’s den Bäumen in Meidlings Gemeindebauten? Ein Lokalaugenschein am Tivoli.
Wie schön
dass wir Hand in Hand
in den Garten gehen
und unseren jungen Baum
begießen
Ich klaube Raupen ab
du bringst im Wasser!
Wie grün er wäre
wenn wir ihm nicht
die Wurzel
abgehackt hätten.
Die guten Gärtner von Erich Fried
Unser zweiter Meidlinger Baumspaziergang mit Forstwirt und Stadtbaum-Experten Alexander Mayr-Harting führte uns Mitte September in zwei Gemeindebauten in der Hohenbergstraße. Dabei erhielten wir spannende Einblicke in die Artenvielfalt, die besonderen Herausforderungen der dortigen Bäume, Missstände bei ihrer Pflege und ihre oft erstaunlich geringe Lebensdauer.
Bäume in Wiener Gemeindebauten
In Wien gibt es über 1.800 Gemeindebauten (etwas 100 davon in Meidling). Insgesamt stehen dort rund 70.000 Bäume (Zahl für Meidling nicht bekannt), die nicht nur das Stadtbild verschönern, sondern auch wichtige ökologische Funktionen erfüllen: Sie reinigen die Luft, kühlen an heißen Sommertagen und bieten Nahrung und Lebensraum Insekten und Vögel. Aber leider haben sie es dabei oft nicht leicht. Auf unserem Spaziergang sahen wir mehrere Bäume, die in einem sehr schlechten Zustand oder sogar bereits abgestorben waren. Laut dem Wiener Stadtrechnungshof (2023) sterben durchschnittlich 39 Prozent der neu gepflanzten Bäume in Wiener Gemeindebauten innerhalb der ersten beiden Jahre! Und das liegt nicht nur am Klimawandel, sondern vor allem an ihrer schlechten Pflege.

Und neben den enormen Kosten zeigt dies auch eine mangelnde Wertschätzung gegenüber Bäumen als Lebewesen. Interessanterweise sind die Bäume in den Wiener Gemeindebauten in einem eigenen Baumkataster erfasst, der nicht öffentlich zugänglich ist.
Welche Pflege brauchen junge Bäume?
Der junge Gingko an der Ecke Hohenbergstraße/Schwenkgasse gehört laut Alexander bereits zur 5. oder 6. Baumgeneration an seinem Standort. Im Sommer ist er bis zu 14 Stunden der prallen Sonne ausgesetzt. Auch wenn der heurige Sommer für die Wiener Bäume etwas erträglicher war, benötigen junge Bäume in den ersten Jahren regelmäßige Pflege, um gut gedeihen und wachsen zu können. Leider wird diese Pflege oft nicht konsequent umgesetzt, da Wiener Wohnen sie an private Firmen ausgelagert hat, die mit unterschiedlicher Qualität arbeiten. Beim Jungbaum daneben prüfen wir den Gießsack, er ist leer. Um sicher sagen zu können, ob hier aufs Gießen vergessen wird, müsste man natürlich öfter prüfen.

Zu den wichtigsten Schutzmaßnahmen für Bäume zählen:
- ein Weißanstrich der Rinde (in der Regel auf Kalkbasis), der den Baum vor Sonnenbrand und Frost schützt. Manche der von uns besuchten Jungbäume hatten einen solchen Anstrich, andere jedoch nicht.
- eine Schutzmanschette, um den Stamm vor Verletzungen durch Rasenschneider zu bewahren. Auch hier mussten wir feststellen: Manche Bäume haben eine, andere nicht. Wird sie nicht rechtzeitig an den wachsenden Baum angepasst, kann sie mit dem Baum verwachsen.
- eine Dreibein-Verankerung, die junge Bäume stabilisiert. Auch diese sind nicht durchgängig vorhanden.
- einen Schutz des Stammes vor Hundeurin. Schaut man genau, erkennt man bei sehr vielen Bäumen, dass die Rinde auf den untersten 20-30cm etwas heller ist. Besonders für junge Bäume ist das eine große Belastung.
- Und nicht zuletzt benötigen Bäume Wasser. Oft kommen dafür so genannte Gießsäcke zum Einsatz. Diese sieht man in Wien zwar mittlerweile häufiger, allerdings wiederum nicht flächendeckend. Und auch wenn ein Gießsack angebracht ist, bedeutet das leider nicht, dass er auch regelmäßig – im Idealfall einmal in der Woche – mit Wasser befüllt wird. Im Winter sollten diese Säcke entfernt werden, damit sich kein Schimmel bilden kann.
Artenvielfalt im Wandel
Gelobt wurde die große Artenvielfalt in den besichtigten Gemeindebauten: Hopfenbuche, Weißdorn, Amberbaum, Akazie, Linde, Blasenbaum, Schwarzkiefer – um nur einige zu nennen. Diese Vielfalt streut das Risiko für Erkrankungen. Doch viele der herkömmlichen Baumarten haben aufgrund der klimatischen Veränderungen mit immer größeren Problemen zu kämpfen und werden mittelfristig wohl aus dem Stadtbild verschwinden. Dazu zählt etwa die Kastanie (wobei die rotblühende Variante mit Hitze und Trockenheit etwas besser zurecht kommt als die weißblühende), die Birke (die Hitze und Trockenheit nicht sehr gut verträgt), die Esche (das so genannte Eschensterben ist eine Pilzerkrankung, die sich bereits rasch ausgebreitet hat; die Rotesche aus Nordamerika ist dagegen übrigens resistent) und die Fichte (die auch in Wien vom Borkenkäfer befallen wird).
Fazit
Die Bäume in den Wiener Gemeindebauten stehen vor zahlreichen Herausforderungen und werden leider oft nur unzureichend gepflegt und geschützt. Regelmäßige Pflege könnte dazu beitragen, dass sie länger leben, gut gedeihen und ihre wichtige Funktion für das Stadtklima und die Biodiversität erfüllen können.
Setzen wir uns gemeinsam für den Schutz und die Pflege unserer Stadtbäume ein – jeder Baum zählt!
Hier geht es zu Alexanders Petition an die Stadt Wien, die wir gerne unterstützen: „Gesunde Bäume im Gemeindebau„
Weiterführende Links:
Wiener Baumkataster (ohne die Bäume in Gemeindebauten):
Wiener Stadtrechnungshofs 2023: Unternehmung Stadt Wien – Wiener Wohnen und Wiener Wohnen Hausbetreuung GmbH, Prüfung der Jungbaumpflege