Ein Rolli-Bulk für mehr Barrierefreiheit
Was ist denn bitte ein Rolli-Bulk?
Neugierige Blicke verfolgten unsere Gruppe, die sich von der Flurschützstraße aus über den großen Untermeidlinger Kreisverkehr und die Arndtstraße zum Kreisverkehr beim Theresienbad und zurück zum Meidlinger Markt bewegte. Eine Kolonne von Rollstuhlfahrer:innen, zwei Personen mit Krücken und ein paar Fußgänger:innen bildeten den 1. Meidlinger Rolli-Bulk. Ich habe selbst eine Sehbehinderung und ich kenne das Phänomen – einzelne Menschen mit Behinderung sind oft unsichtbar, wenn wir gesammelt auftreten, fallen wir plötzlich auf.
Angeführt von Alfred H. haben wir einige seiner alltäglichen Wege zurückgelegt – zur Apotheke, zum Amtshaus und zum Einkaufen. Bei jedem Straßenübergang konnte man beobachten, wie die Leute mit ihren verschiedenen Rollstuhl-Modellen unterschiedliche Techniken anwenden, um die Gehsteigkanten zu überwinden. Manche suchten die niedrigste Stelle und nehmen Anlauf, manche brauchten Hilfe von ihren Begleitpersonen. Manche reversierten und fuhren verkehrt rauf (mit dem größeren Radpaar zuerst), dazu reicht allerdings eine Grünphase oft nicht aus, es kann also auch gefährlich werden. Das alles müsste nicht sein, wenn die Gehsteige barrierefrei wären!
Darauf aufmerksam zu machen, war auch der Zweck unseres Spaziergangs. Auf unsere Einladung hin haben sich Rollstuhlfahrer:innen gemeldet, um als Expert:innen zu zeigen, wo die Probleme bei ihren täglichen Wegen liegen. Neben den Gehsteigkanten sind es auch zu schmale oder stark abfallende Gehsteige, holpriger Bodenbelag und im Weg stehende Müllkübel, Verkehrszeichen u.ä.
Weitere Problemstellen im Alltag von Rollstuhlfahrer:innen
Die Wege zurückzulegen ist aber erst der Anfang. Es gibt auch viel zu wenige rolli-gerechte Toiletten – eine Teilnehmerin hat sich deshalb frühzeitig von unserer Tour verabschiedet – und Trinkbrunnen. Der große Müllcontainer am Meidlinger Platzl ist auch vom Rolli aus nicht benutzbar, der Einwurf ist zu hoch. Leider haben auch viele Geschäfte keine barrierefreien Eingänge. Und für elektrisch betriebene Rollis fehlen öffentliche Ladestationen – besonders ärgerlich, wenn man wegen Barrieren weitere Wege nehmen muss.
Menschen, die Rollstühle nutzen, sind keine homogene Gruppe. Manche können je nach Tagesverfassung ein paar Schritte gehen, manche haben eingeschränkte Kraft in den Armen, manche können durch ihre Erkrankung Erschütterungen schlecht wegstecken – unangenehm sind diese aber für alle.
Etwa 90% nutzen laut Statistik Austria manuell betriebene Rollstühle. Ausgehend von 0,6% Rollstuhlfahrer:innen in Österreich gibt es in Meidling über 600 betroffene Personen, dazu kommen auch noch Personen mit Rollator und Eltern mit Kinderwägen, die ebenfalls von Verbesserungen profitieren würden.
Gleichzeitig gibt es keine Gruppe, die von mehr Barrierefreiheit benachteiligt wird: Wenn die Gehsteigkanten nicht unter 1 cm abgesenkt werden, sind sie für Personen mit Blindenstock noch immer zu ertasten.
Alfreds Fazit: „Wir haben auf unserer kleinen Tour nur einen Bruchteil der Barrieren aufgezeigt, ich bin gespannt was jetzt passiert! Leider ist man von der Politik abhängig!“
Da hat er natürlich Recht, und deswegen folgen nun
Unsere Forderungen für mehr Barrierefreiheit in Meidling:
- Minimal 1, maximal 3 cm hohe Gehsteigkanten bei Übergängen
- Ausgleich von zu steilen Rinnsteinen vor abgesenkten Gehsteigkanten
- Verlegung von Hindernissen an Übergängen
- Korrektur von zu stark abschüssigen Gehsteigen (Bsp. Flurschützstraße)
- Rollstuhlgerechte Toiletten und Trinkbrunnen
- Vermeidung von holprigen Belägen (ggfs. ebene Rollstuhl-Spur wenn aus Gründen der Versickerungsfähigkeit etwa Kopfstein-Pflaster verwendet wird)
- Maßnahmen zur Bewusstseinsbildung bei Geschäften und Lokalen (es gibt im Bezirk keine Möglichkeit zur direkten Einflußnahme auf die Privatwirtschaft)
Fazit unseres „Testfahrers“ Tom
Unser Aktivist Thomas Plotz hat Alfreds Angebot angenommen, sich dessen alten manuellen Rollstuhl auszuleihen und die Tour aus der Perspektive eines Rolli-Anfängers mitzufahren. Uns ist klar, dass eine einmalige Fahrt nicht im Entferntesten den tatsächlichen Alltag einer Person abbilden kann, die auf den Rollstuhl angewiesen ist. Tom ist mit großem Respekt und Feingefühl an die Sache herangegangen und seine Testfahrt wurde von allen anwesenden Rollstuhlfahrer:innen gutgeheißen. Sie haben ihn wohlwollend und mit einer guten Portion Humor bei seinen Bemühungen gecoacht.
Nun zu Toms Fazit:
Vier für mich überraschende Erkenntnisse aus dem Rollstuhl
- Rollstuhlfahren ist harte körperliche Arbeit
Schon nach wenigen Metern wurde mir bewusst: Rollstuhlfahren ist körperlich wesentlich anstrengender als erwartet. Trotz Leichtrollstuhl und bequemem Gelkissen spürte ich schnell die Belastung in Armen und Schultern. Besonders tückisch: Schiefe Gehsteige. Der Rollstuhl „will“ ständig zur Seite rollen, man muss permanent gegenlenken. Was für den Wasserabfluss sinnvoll ist, wird zur Dauerbelastung für Rollstuhlfahrer:innen.
- Ständige Hindernisse erfordern ständige Konzentration
Was zu Fuß kaum wahrnehmbar ist, entpuppt sich im Rollstuhl als echtes Problem: Eine zu hohe Bordsteinkante, ein kleines Schlagloch oder unebenes Pflaster erfordern volle Konzentration und oft mehrere Anläufe. Die ständige Aufmerksamkeit, die man beim Fahren aufbringen muss, ist auch mental erschöpfend.
- Hindernisse an ohnehin prekären Stellen
Besonders frustrierend: Müllinseln und Poller stehen oft genau dort, wo sie am meisten stören – an Kreuzungen und Übergängen. Gerade dort, wo man als Rollstuhlfahrer:in ohnehin schon extra vorsichtig sein muss, wird der Weg zusätzlich versperrt. Man muss weite Umwege fahren oder gefährlich in den Straßenraum ausweichen.
- Elektrische Unterstützung verändert alles
Der Moment, in dem ich den elektrisch unterstützten Rollstuhl ausprobieren durfte, war wie ein Befreiungsschlag. Plötzlich ließen sich Steigungen mühelos bewältigen, längere Strecken wurden denkbar, die Aufmerksamkeit konnte wieder der Umgebung statt nur dem nächsten Hindernis gelten.

Und jetzt?
Wir bringen unsere Forderungen für mehr Barrierefreiheit bei der Bezirksvertretungssitzung im September ein. Es hat sich gezeigt, dass eine Reduktion von Hindernissen erforderlich ist und dies ohne Einbußen für alle anderen passieren kann!