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am 21. Dezember 2017

Zeitzeugin Ilse Arndt wird neue Namenspatin für die Arndtstraße

Tanja Grossauer-Ristl - Mit der Würdigung von Ilse Arndt, Überlebende aus Block 10 des KZ Auschwitz und Zeitzeugin, setzt der Bezirk ein wichtiges Zeichen gegen den Hass und Antisemitismus.

Die Arndtstraße im 12. Bezirk wurde 1894 nach Ernst Moritz Arndt benannt. Arndt gilt als Deutschnationaler. In seinem literarischen Werk schlug Arndt auch nationalistische und antisemitische Töne an.

GRÜNER ERFOLG: HOLOCAUST-ÜBERLEBENDE UND ZEITZEUGIN ILSE ARNDT WIRD ZUSÄTZLICHE NAMENSPATIN DER ARNDTSTRASSE

Die Grünen Meidling sind der Meinung, dass die von Ernst Moritz Arndt vertretene Haltung nicht dem Selbstbild des Bezirks und der Stadt Wien entspricht. Meidling ist ein weltoffener und vielfältiger Bezirk, in dem das friedliche Zusammenleben unterschiedlicher gesellschaftlicher und sozialer Gruppen selbstverständlich ist.

Daher freuen wir uns, dass unser Antrag, die Straße zusätzlich einer mutigen und engagierten Zeitzeugin zu widmen, in der Sitzung der Meidlinger Bezirksvertretung​ am 15.12.2017 mehrheitlich angenommen wurde. Ilse Arndt war eine der Frauen aus Block 10 im Konzentrationslager Auschwitz, die dort grausamen medizinischen Experimenten ausgesetzt waren. Dabei wurden unter großen Qualen Zwangssterilisationen an jüdischen Frauen durchgeführt. Ilse Arndt hat diese Grausamkeiten überlebt und mit ihren Augenzeugenberichten viel zur Aufarbeitung des Holocaust beigetragen.

ZUSAMMENHÄNGE AUFZEIGEN

Die Vergangenheit lässt sich nicht umschreiben. Gerade deshalb ist es wichtig sich daran zu erinnern, was passiert ist. In der Verantwortung der Gegenwart liegt es, die eigene Geschichte aufzuarbeiten und Zusammenhänge aufzuzeigen um daraus für die Zukunft lernen zu können.

Ernst Moritz Arndt war ein Kind seiner Zeit. Gewürdigt wurde er für seinen Kampf gegen die Leibeigenschaft und für sein Engagement für den deutschen Nationalstaat. Gleichzeitig vertrat er in seinen Schriften einen aggressiven Nationalismus und er schlug dabei extrem antisemitische Töne an. 
Er argumentierte einen fatalen "Reinheitsgedanken in der Bevölkerungsfrage". Von den Nationalsozialisten wurde er für diese Positionen vereinnahmt. Das Gedankengut, das er vertrat, kann also als Nährboden für die Grausamkeiten, die an einer Jüdin wie Ilse Arndt verübt wurden, gesehen werden.

Die Neuwidmung der Straße soll diesen Zusammenhang sichtbar machen und an ihn erinnern. Für die Bewohner_Innen ändert sich durch diese Ergänzung nichts. Die Arndtstraße bleibt die Arndtstraße.

Wir haben für die Umbenennung von vornherein den Dialog mit allen Fraktionen gesucht und daher die Zuweisung in die Kulturkommission gefordert. Der Historiker Peter Autengruber hat als Gast der Kulturkommission seine fachliche Einschätzung dazu dargelegt. Auch aus seiner Sicht wäre eine Gegenüberstellung beider NamensträgerInnen eine sinnvolle Maßnahme um auf die historischen Zusammenhänge aufmerksam zu machen. Der Antrag wurde nun mehrheitlich mit den Stimmen der Grünen Meidling, SPÖ Meidling und Neos Meidling angenommen.​


Literaturtipp: "Umstritten Wiener Straßennamen. Ein kritisches Lesebuch" Pichler Verlag, 2014​​

Info


2011 hat die Stadt Wien eine Forschungsgruppe am Institut für Zeitgeschichte der Universität Wien mit der kritischen Analyse der personenbezogenen Benennungen der städtischen Verkehrsflächen beauftragt. Der 2014 vorgelegte Abschlussbericht spricht von 159 problematischen Fällen bei unterschiedlicher Gewichtung. Auch Ernst Moritz Arndt gilt darin als Fall mit Diskussionsbedarf.